5. Baukulturdialog 2019 in Lübeck

Am 13.09.2019 war es soweit: Es war Zeit für den fünften Baukulturdialog, der nach München, Leipzig, Berlin und Kassel in der Hansestadt Lübeck stattgefunden hatte. Viele Redner aus ganz Deutschland stellten beispielhafte Projekte ihrer Region vor, ganz im Zeichen der öffentlichen Räume und deren Zugänglichkeiten. Auch die Öffentlichkeit war zu diesen Vorträgen eingeladen und zeigte Interesse.

5. Baukulturdialog

Neue Wegeräume für die Stadt

„Neue Wegeräume für die Stadt“ – so lautete das Thema des fünften Baukulturdialogs. Anlass für die Austragung des Dialogs in der Hansestadt Lübeck war das 20. Jubiläum des ArchitekturForumLübeck e.V. Schwerpunkt des Dialogs war die Eröffnung einer vorübergehenden Brücke für Fußgänger und Radfahrer zwischen der Innenstadt und dem Stadtteil St. Lorenz. Moderiert wurden Teile der Veranstaltung von Fin Walden.

Fin Walden: eine der Stimmen von NDR 1

Der Moderator Fin Walden, der die anwesenden Redner und das Publikum durch den Großteil des Dialogtages in Lübeck führte, ist kein Unbekannter. So ist er eine der Stimmen beim Radio NDR 1 Welle Nord. Seit dem Jahr 2000 ist er dort als Nachrichten-Redakteur tätig. Zuvor war er viele Jahre lang Pressesprecher eines sozialen Verbandes und aktiv beim Privatradio und Privatfernsehen.

Moderator Fin Walden

Sein täglicher Arbeitstag umfasst spannende Reportagen und Berichte zu den unterschiedlichsten Themen, angefangen von Radrennen von Extremsportlern in den USA (mit Heimat in Schleswig-Holstein (Partnerlink)) bis hin zu Gerichtsverfahren gegen frühere Chefs von Rockerbanden.

Den Stammhörern von NDR 1 Welle Nord dürfte Fin Walden als Nachrichtensprecher sowie Moderator der regelmäßigen Sendung „Zur Sache“ bekannt sein.

Was ist denn eigentlich ein „Baukulturdialog“?

Zugegeben, unter diesem sperrig klingenden Begriff kann sich nicht jedermann gleich etwas vorstellen. Dabei ist es eine wichtige Institution, bei der die Bundesstiftung Baukultur den Austausch mit Entscheidern und Engagierten in der Baubranche fördern möchte. Solche Dialogtage finden mehrmals jährlich in verschiedenen Städten in Deutschland statt.

Gemein ist allen Dialogtagen ein konkretes Beispiel vor Ort, anhand dessen baukulturelle Fragen und Herausforderungen diskutiert werden. Mit diesen Dialogen ist ein direkter Austausch der einzelnen Verantwortungsträger möglich. So kommen Akteure aus Kommunen, dem Planungs- und Immobilienwesen sowie der Bauwirtschaft miteinander ins Gespräch. Das Idealergebnis dieses Austausches ist dann ein langfristiger Bedeutungszuwachs von baukulturellen Themen in der jeweiligen Stadt des Gastgebers.

Programm und Ablauf des Tages

Um 11:30 Uhr wurde der Baukulturdialog in der Kulturwerft Gollan in Lübeck offiziell eröffnet. Rund 100 Gäste folgten der Einladung in die Kulturwerft Gollan. Schwerpunkt des Tages bildete die Eröffnung einer vorübergehenden Brücke für Fußgänger und Radfahrer zwischen der Innenstadt und dem Stadtteil St. Lorenz. Die Eröffnung nahm man als Anlass, um über den Stellenwert räumlicher (Ver-)Bindungen und die Möglichkeiten, neue Wegeräume für die Stadt zu schaffen, zu diskutieren.

Es folgten die Begrüßungen von Norbert Hochgürtel vom ArchitekturForumLübeck e.V. und der Bausenatorin der Stadt Lübeck, Joanna Hagen. Norbert Hochgürtel zeigte sich sehr erfreut und erstaunt zugleich, wie gut die Lübecker Bürger die Pontonbrücke über die Trave angenommen hätten. Er meinte, die Einwohner Lübecks würden sie wie einen Trampelpfad über die Wiese nutzen, um ihre alltäglichen Termine wahrzunehmen und Besorgungen zu erledigen.

Die Bausenatorin der Hansestadt Lübeck, Joanna Hagen, dankte in ihrer Eröffnungsrede dem Architekturform Lübeck für das Engagement für die städtische Baukultur. In Lübeck habe das Thema Baukultur einen großen Stellenwert und werde regelmäßig diskutiert.

Vortrag 1: Situation in Lübeck – fehlende Raumkonnektivität

Nach der Eröffnung ging es dann um 12:15 Uhr in den ersten Vortrag hinein. Dieser hatte zum Thema „Situation in Lübeck – fehlende Raumkonnektivität“. Hierzu sprachen Anika Slawski und Jörn Simonsen vom ArchitekturForumLübeck e.V. Hierbei gingen die beiden Vertreter des Architekturforums näher auf die räumliche Situation in Lübeck ein.

Anika Slawski und Jörn Simonsen

Sie stellten dabei fehlende Verbindungen zwischen Orten in der Hansestadt fest. Beide bemängelten neben der verbesserungswürdigen Barrierefreiheit und Qualität der Wege auch die fehlende Raumkonnektivität. Jedoch würden auch Stadträume existieren, die zum Flanieren einladen. Hierbei handele es sich um Stadträume, die sich am menschlichen Maßstab orientierten.

Vortrag 2: Neue Wegeräume schaffen

Im Vortrag Nummer 2 eine halbe Stunde später widmete sich Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur dem Thema „Neue Wegeräume schaffen“. Er gab zu bedenken, dass es beim Gestalten von öffentlichen Räumen mehr gemeinsames Denken zwischen Bereichen und Disziplinen geben müsse. Er stellte fest, dass eine geteilte Verantwortung oftmals gar keine Verantwortung bedeute.

Reiner Nagel

Er kritisierte, dass dem Auto immer noch zu viel Raum eingeräumt würde, während neue Formen der Mobilität ein zentraler Schlüssel für mehr Raumkonnektivität darstellen würden. Als Nachweise für gewünschte Wegebeziehungen führte er Trampelpfade an, die nach wie vor Beweise für eine suboptimale Planung seien. In Bezug auf die vorübergehende Pontonbrücke in Lübeck meinte er, dass man Entwicklungspflege für die Stadt durch Interimsprojekte benötige.

Vortrag 3: Superkilen Kopenhagen: Stadträume verbinden

Im Vortrag Nummer 3 um 13:15 Uhr ging es thematisch dann ins Nachbarland Dänemark. Das Thema von Martin Rein-Cano, Berliner Creative Director Topotek 1, lautete „Superkilen Kopenhagen (Partnerlink): Stadträume verbinden?“.

Die Bespielung von öffentlichem Raum in einem kulturell bunt gemischten Viertel ist Kern dieses Projektes. Die Anwohner wurden bei der Auswahl der Stadtmöbel mit in die Entscheidung einbezogen. Das Resultat ist unter anderem, dass im Urban Park Superkilen ein kasachisches Bushäuschen neben einem marokkanischen Brunnen steht.

Martin Rein-Cano

Besuchern stehen japanische Spielplatzfiguren oder ein Thai-Box-Ring zur Verfügung. Multikulti also gewissermaßen auf einem hohen Niveau. Martin Rein-Cano betonte, dass man auf diese Weise das Andersartige sichtbar und auch erlebbar mache, was im Idealfall zum gegenseitigen Verständnis beitrage. Xenophobie hingegen sei das Resultat von Nichtsichtbarkeit.

Vortrag 4: Fuß- und Fahrradbrücken Bahnstadt-Bergheim-Campus Heidelberg – Prozess- und Planungskultur

Nach einer Mittagspause mit kulinarischer Stärkung waren die Teilnehmer zum vierten Vortrag des Tages mit dem Thema „Fuß- und Fahrradbrücken Bahnstadt-Bergheim-Campus Heidelberg – Prozess- und Planungskultur“ eingeladen. Moderiert wurde dieses Thema vom Kuratorischen Leiter IBA Heidelberg, Professor Carl Zillich.

Professor Carl Zillich

Er wählte für seinen Input das Beispiel des Bahnstadt-Bergheim-Campus Heidelberg, um aktuelle Entwicklungen im Bereich der Brücken für Radfahrer und Fußgänger vorzustellen. Er kam zu dem Schluss, dass sich der Mobilitätswandel nur durch die Integration sämtlicher Sektoren erreichen lasse. Letzten Endes müsse das Ziel lauten, alle Leute mitzunehmen und einen Konsens zu erzielen.

Vortrag 5: Infrastruktur und Brücken in der HafenCity

Anschließend ging es im fünften Vortrag um die Hansestadt Hamburg (Partnerlink). Jürgen Rux, Senior Projektmanager HafenCity Hamburg GmbH, sprach zum Thema „Infrastruktur und Brücken in der HafenCity“. Er erklärte hierbei, wie Brücken und die Infrastruktur in der HafenCity Hamburg gestaltet sind.

Er erklärte, dass über 14 Prozent der Privatflächen in der HafenCity für die Öffentlichkeit zugänglich seien. Zusätzlich gebe es in der HafenCity sehr viele attraktive Fußverbindungen. Für die Brücken sei maßgeblich, dass sie den Zugang der Öffentlichkeit zum Wasser nicht behindern oder erschweren dürften. Eine hohe Aufenthaltsqualität sei wichtig. Hierzu würde es breite Geländerläufe, Aussichtspunkte, Terrassen und Sitzbänke geben.

Der Dialogtisch „Neue Wegeräume für die Stadt“

Nach einer kurzen Kaffeepause war es nach dem Input aus den Vorträgen Zeit für den Dialogtisch „Neue Wegeräume für die Stadt“. Die Moderation hierbei übernahm Rainer Nagel, der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur. Alle Moderatoren der Vorträge diskutierten miteinander über öffentliche Räume, deren Gestaltung sowie deren Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit.

Ingo Siegmund vom ArchitekturForum Lübeck e.V. betonte seine Ansicht, dass gesellschaftliche Veränderungen schuld an der von der Vorstellung abweichenden Realität seien. Seiner Meinung nach ginge es nicht um die bauliche Frage, sondern darum, wie eine Stadtgesellschaft in Räumen leben wolle.

Joanna Hagen

Joanna Hagen hingegen betonte, dass man bei allen Planungen bezüglich des öffentlichen Raums darauf achte, dass es zu keinerlei Kommerzialisierung komme. Auf der anderen Seite gab sie zu bedenken, dass sie mehr und mehr Konkurrenzverhalten um Räume wahrnehme. Besonders stark sei dies im Verkehrsraum zu spüren, jedoch auch in den sonstigen Aufenthaltsräumen.

Professor Carl Zillich ergänzte zu dem Thema, dass die Partei der Grünen in Heidelberg vorgeschlagen hätte, dass Parkausweise für Anwohner so viel kosten sollten wie ein Jobticket. Dies würde einer Preissteigerung um das Dreißigfache entsprechen.

Martin Rein-Cano schließlich gab an, dass seiner Meinung nach deutlich zu viel lösungsorientiert geplant werde. Man müsse die Kultivierung von Konflikten aktiv betreiben und nicht, wie so oft, lediglich austarieren. Arbeite man lediglich lösungsorientiert, werde man stets scheitern. Seiner Meinung nach wären aber genau solche Projekte, die scheitern dürften, sehr beliebt, da sie keine unkorrigierbare Festigkeit besäßen.

Zusammenfassung und Ausblick

Nach der Diskussionsrunde war es dann Zeit für eine Zusammenfassung und einen Ausblick. In diesem Zusammenhang betonte Rainer Nagel, dass der Betrieb öffentlicher Räume und deren Qualität eine Schlüsselrolle zukäme. Man habe die Phase 10 als wichtiges Element erkannt, um Verantwortung wahrzunehmen und Qualität zu steuern. Mit geringem Aufwand ließe sich bei Pflegebudgets ein hoher Nutzen generieren.

Ausstellung ArchitekturForumLübeck

Nach einer musikalischen Einlage der Bremer Blaskapelle „Lauter Blech“ und einem gemeinsamen Abendbrot war es dann an der Zeit, die Ausstellung „20 Jahre Architekturforum Lübeck e.V.“ zu eröffnen.

Ein Brückenschlag über den Wallhafen

Im Jubiläumsjahr 2019 war es soweit und das ArchitekturForumLübeck schlug eine Brücke über den Wallhafen in Lübeck. Ganz konkret wurde die Brücke am 4. September 2019 offiziell eröffnet.

Der Brückenschlag über die Trave verbindet die Lübecker Altstadt und St. Lorenz. Die Brücke auf Zeit ist 80 Meter lang, vier Meter breit und befindet sich im Lübecker Hafenbecken zwischen der Kulturwerft und der Wallhalbinsel. Das Projekt erfüllt aber nicht nur temporär einen praktischen Nutzen, sondern ist von den Architekten des ArchitekturForumLübeck als Denkanstoß konzipiert.

Mit der Brücke wollen sie zeigen, welche Möglichkeiten sich eröffnen, wenn sich die Altstadt und der Lübecker Stadtteil St. Lorenz miteinander verbinden lassen. Wie Jörn Simonsen vom ArchitekturForumLübeck erklärt, wolle man mit dieser Brücke ein Zeichen setzen und der Bevölkerung zeigen, wie angenehm es sein kann, einen kurzen Weg zu Fuß oder auf dem Rad von der Altstadt nach St. Lorenz zu haben.

Lübecker Brückenschlag

Die Pontonbrücke als teures Projekt

Die schwimmende Brücke in Lübeck war kein billiges Vorhaben. Das Projekt wurde von den Architekten jedoch aus eigener Tasche finanziert und öffentliche Mittel daher nicht angetastet. Bei der praktischen Umsetzung war man jedoch dankbar für die Hilfe vom Technischen Hilfswerk (THW).

Da sich die Brücke auf Zeit nur vergleichsweise kurz im Hafenbecken befinden wird, ist sie aus Kunststoff-Pontons gefertigt. Der THW konnte die einzelnen Teile an Land zu größeren Flächen zusammensetzen; erst im Wasser wurden die einzelnen Teile dann miteinander verbunden. So konnte die Brücke bereits nach wenigen Stunden ihren Dienst erfüllen.

Von der Planung bis zur Umsetzung

Die eigentliche Installation der Brücke ging also vergleichsweise schnell. Die Planung hierfür zog sich jedoch über ein Jahr hinweg hin, weil im Vorfeld nicht eindeutig geklärt werden konnte, wer zuständig für diesen Bereich ist und entsprechend eine Genehmigung erteilen darf. Am Ende habe man gewissermaßen mit sämtlichen Behörden mehrere Runden drehen müssen, wie Simonsen bestätigt.

Am Ende waren die Bemühungen jedoch von Erfolg gekrönt, denn alle Behörden unterstützten die Idee. Geht es nach Simonsen, könnte aus der Brücke aus Kunststoff in absehbarer Zeit eine dauerhafte Brücke werden. Bereits seit Jahren werde schließlich über eine Verbindung zwischen Roddenkoppel und der Nördlichen Wallhalbinsel debattiert.

Mit dieser Interimsbrücke wolle man zeigen, dass dieses Projekt machbar sei. Simonsen verspricht sich durch diese Art Vorbildfunktion einen Nachahmeffekt seitens der Stadt. So zeigt sich der Architekt zuversichtlich, dass man hier in fünf bis sieben Jahren über eine echte Brücke laufen könne.

Warum eine Brücke zwischen den Stadtteilen?

Bis zum Zeitpunkt der Kunststoffbrücke bildeten die Untertrave, der Wallhafen und die Gewerbeflächen auf der Roddenkoppel deutliche Barrieren zwischen der Altstadt und den angrenzenden Quartieren. Die Roddenkoppel wird mittlerweile immer häufiger kulturell genutzt. Auch auf der Nördlichen Wallhalbinsel sind städtebauliche Entwicklungen zu beobachten.

Ein Brückenschlag über den Wallhafen und die Untertrave erscheint aus diesem Blickwinkel heraus sinnvoll, ja geradezu notwendig. Diese Notwendigkeit möchte das ArchitekturForumLübeck mit der Installation der Kunststoffbrücke betonen, um auf eine bessere Verknüpfung der Quartiere aufmerksam zu machen.

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