Eine Hansestadt einmal anders entdecken

In der Hansestadt Lübeck haben die Besucher die Gelegenheit, mittelalterliche Relikte zu entdecken, die in dieser Form weltweit einzigartig sind. Und so manchem Gast erscheint es, als würde er mit dem Betreten der Gänge und Höfe eine Zeitreise in jene Ära unternehmen, als Lübeck die Königin der Hanse war. Oft muss der Besucher an den Ein- und Ausgängen den Kopf einziehen und sich ein paar Augenblicke lang an das schummrige Licht und die Stille gewöhnen. Und ihn erwartet so manche Überraschung. Denn einige Gänge münden wiederum in andere Gänge oder führen auf bekannte Straßen. Kurzum: Beim Erkunden der zahlreichen Gänge und Höfe in Lübeck erwartet den Besucher eine spannende Reise durch die Geschichte der Hansestadt.

Niedriger Gang

So sind die Gänge und Höfe von Lübeck entstanden

Erbaut wurden diese dicht bebauten Gassen in jener Zeit, als Lübeck die Handelsmetropole im gesamten nordeuropäischen Raum schlechthin war und die Stadt rasant wuchs. Deshalb wurde es innerhalb der Stadtmauern auf dem Altstadthügel rasch zu eng. Aus Platznot wurden in die Vorderhäuser Gänge gebrochen, sodass die Hinterhöfe mit sogenannten Buden bebaut werden konnten. Diese wurden an den Rückseiten der Bürgerhäuser oder im Innenbereich von Wohnblöcken dicht an dicht gebaut und besaßen oftmals nur ein einziges Zimmer. Die Lübecker nannten dies versteckt liegenden Wohnviertel Gangviertel oder Gänger. Bewohnt wurden sie von Tagelöhnern oder Beschäftigten im Gewerbe, welches im Straßenhaus ausgeübt wurde.

Gänge und Höfe in Lübeck

Die Gänge und Höfe von Lübeck im Wandel der Zeit

Weil die Bevölkerung der Hansestadt in den Jahrzehnten ab Mitte des 15. Jahrhunderts um knapp ein Viertel wuchs, verarmten große Teile der städtischen Bevölkerung. Deshalb wurden die Gangviertel in dieser Zeit weiter ausgebaut.

Buden, die während des Mittelalters errichtet wurden, sind heute in Lübeck kaum noch erhalten. Der Grund: Erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die Buden auch aus Stein errichtet. Denn sowohl Kaufleute als auch die Kirche und die begüterte Mittelschicht hatten inzwischen erkannt, dass ein Haus mit einem ausgebauten Hof eine gute Einnahmequelle darstellte. Das wiederum führte natürlich auch zu sozialen Problemen wie etwa Mietwucher. Denn es war einzig und allein dem Hausbesitzer vorbehalten, wie viele Buden er im Hof errichten ließ und wie viele Familien er in den winzigen Wohnungen unterbrachte. In der Hartengrube Nummer 36 befindet sich beispielsweise die kleinste Bude mit einer Frontlänge von 3,45 Metern und einer Breite von 4,65 Metern.

Gangviertel Ausbau

Armenviertel werden zum Schmuckstück

Dass aus den Gangvierteln in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wahre Schmuckstücke in der Hansestadt geworden sind, ist den Stiftungen von wohlhabenden Bürgern zu verdanken. Diese haben es möglich gemacht, die Gangviertel zu sanieren. Heute sehen die kleinen Buden mit ihren bunten Fassaden fast aus wie Puppenhäuser.

Das zeichnet die Gänge und Höfe von Lübeck aus

Die einzige Vorgabe, die bei der Errichtung von Gängen gemacht wurde, lautete: Der jeweilige Gang musste zumindest so breit sein, dass ein Sarg problemlos hindurch getragen werden konnte. Die Höfe hingegen waren üblicherweise rund um einen zentralen Platz angelegt. In deren Zentrum befinden sich heute zumeist Bäume, Spielgeräte oder Lauben.

Zentraler Platz im Hinterhof

Eine weitere Attraktion: die Höfe

Heute gelten die Höfe von Lübeck ebenfalls als besondere Attraktion für die Gäste der Hansestadt. Wohlhabende Lübecker hatten bereits während des Mittelalters Stiftungen wie beispielsweise den Füchtingshof gegründet, um die ärmsten Bürger der Stadt einen Schutz vor Mietwucher zu bieten. Diesen bekanntesten Hof Lübecks hatte 1636 der Ratsherr Johann Füchting gegründet. Er hatte ein Drittel seines Vermögens zu Gunsten der Ärmsten gestiftet. Als Gegenleistung verlangte er lediglich, dass nach seinem Tod möglichst oft für ihn gebetet werde, um ihm einen Platz im Himmel zu sichern. Bis zum heutigen Tag werden aus dieser Stiftung 28 Wohnungen an Rentner, Witwen und Kaufleute vermietet. Größtenteils sind die Gänge und Höfe von Lübeck heute frei zugänglich. Einige davon werden lediglich über Nacht von einer Tür oder einem Tor verschlossen.

Das sind die bekanntesten Gänge und Höfe von Lübeck

Der Adlergang

Der Adlergang lässt sich hinter dem Haus in der Großen Gröpelgrube Nummer 43 seit 1441 nachweisen. Bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert befanden sich hier acht Ganghäuser, die Hälfte davon blieb bis in die 1980er Jahre hinein erhalten, als sie aufwändig saniert wurden. Conrad Krempe hatte das Grundstück samt Vorderhaus, in welchem sich ein Wirtshaus befand, in diesem Jahr gekauft. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings bereits eine erste Gangbebauung. Nachdem Krempe kurze Zeit später die Lübecker Altstadt wegen einer Lepraerkrankung verlassen musste, wechselte das Grundstück in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten mehrfach den Besitzer und es wurden bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr Buden gebaut. Bei den vier noch bestehenden Häusern handelt es sich übrigens um keine Buden, wie sie für Lübeck typisch sind. Diese Gebäude wurden nämlich aus Stein errichtet und besitzen ein Obergeschoss. Ferner sind sie architektonisch aufwändig mit zusammenstehenden rundbogigen und abgefassten Portalen gestaltet. Es könnte sich hierbei also durchaus um einen sogenannten Stiftshof handeln.

Ein Hinterhof in der Engelsgrube

Der Bäckergang

Erbaut wurden die Häuser des Bäckergangs an einer Traveniederung, die einstmals aus sumpfigem Gelände bestand. Dieser Gang liegt unmittelbar neben dem Eingang des Hauses Engelsgrube Nummer 41. Beim Bäckergang handelt es sich um einen niedrigen Gang, der lediglich in leicht gebeugter Haltung passierbar ist.

Sobald der Besucher den Gang passiert hat, erwartet ihn rechterhand eine graue Bude. Belegt ist der Boden vor der Bude mit rotem Pflaster, vor den Fenstern sind darin kleine Blumenbeete eingelassen. In diesem Gebäude mit seinen weißen Holzfenstern sind heute drei Wohnungen untergebracht.

Bis ins 15. Jahrhundert hinein wurde das Grundstück, in welches der Bäckergang mündet, als Rovereshagen bezeichnet. 1558 wurde der ursprüngliche Gang baufällig und ging in den Besitz der Hansestadt Lübeck über.

Idylle im Hinterhof

Der Füchtingshof

Ganz in der Nähe der Katharinenkirche befindet sich der Füchtingshof in der Glockengießerstraße. Heute gilt er als einer der prächtigsten und größten Stiftungshöfe in der Hansestadt. Die denkmalgeschützte Wohnanlage aus der Zeit des frühen Barock ist Teil der Stiftung „Johann Füchting Testament“. Bereits seit 1639 wird hier Wohnraum für die Witwen von Kaufleuten und Schiffern geboten. In seiner heutigen Form existiert der Füchtingshof seit einem Umbau in den 1970er Jahren. Das herausragende Element dieser Wohnanlage ist ein Bau, in dessen Obergeschoss sich ein Versammlungszimmer befindet, welches als schönster Innenraum aus dem 17. Jahrhundert in der gesamten Hansestadt gilt. Ausgestellt werden hier diverse originale Besitztümer des Stifterehepaares.

Glandorps Gang und Glandorps Hof

In der Glockengießerstraße 39 bis 53 befindet sich mit dem Glandorps Hof der älteste der repräsentativen Stiftungshöfe in Lübeck. Gestiftet wurde dieser im ausgehenden Mittelalter von Johann Glandorp, einem Lübecker Ratsherrn. Diese Anlage besteht aus mehreren Gebäuden, die im Renaissancestil errichtet wurden. Die Stiftungsinschrift ist bis auf den heutigen Tag auf einer Kupfertafel zu sehen, die 1612 über dem Durchgang des Haupthauses angebracht wurde.

Direkt neben Glandorps Hof befindet sich Glandorps Gang, in welchem 13 Gangbuden errichtet waren. Dort lebten arme Witwen auf einer Fläche von nur 16 Quadratmetern.

Buden in der Petersilienstrasse

Darüber hinaus befindet sich in der Glockengießerstraße 39 auch das Ilhornstift. Während das Vorderhaus laut testamentarischer Verfügung des Stifters Johann Ilhorn als Armenhaus, in welchem Wohnungen für 20 bedürftige Witwen errichtet wurden, fungierte, wurde das Hofgebäude erst während des 16. Jahrhunderts errichtet. Nachdem die Gebäude und Grundstücke von einem gemeinnützigen Wohnungsunternehmen von der Stadt Lübeck übernommen worden waren, wurden die Gebäude Mitte der 1970er Jahre umfassend umgebaut.

Der Haasenhof

Beim Haasenhof in der Dr.-Julius-Leber-Straße 37 bis 39 handelt es sich um den jüngsten der Lübecker Stiftshöfe, der von Elisabeth Haase anno 1725 gestiftet worden war. Die Stifterin ließ in einstöckigen Gebäuden insgesamt 13 Wohnungen für ledige Frauen und Witwen errichten. Nachdem der Hof liebevoll restauriert worden war, wurde er des Öfteren auch als Kulisse für diverse Filmproduktionen genutzt – beispielsweise für einen Weihnachtsfilm mit Sir Peter Ustinov und Heinz Rühmann.

Haasenhof in der Dr.-Julius-Leber-Str.

Lüngreens Gang

Der Lüngreens Gang zählt zu den wenigen Gängen, dessen Traufenhäuser, die während des 17. Jahrhunderts errichtet wurden, unter Denkmalschutz stehen. Seltenheitswert hat die Tatsache, dass durch diesen Gang zwei Gruben miteinander verbunden werden. Die Besucher gelangen vom Bäckergang aus über winklige Wege zum Lüngreens Gang und treten schließlich in der Fischergrube wieder ins Freie.

Schwans Hof

In der Hartengrube Nummer 18 befindet sich der älteste Wohngang in Lübeck, der Zeit seiner Geschichte seinen Namen beibehalten hat. Johannes von Swane ließ anno 1296 in diesem Gang die ersten Wohnungen errichten, die er anschließend vermietete.

Während des 16. Jahrhunderts wurde dieses Gangviertel um ein Wirtshaus ergänzt, woraufhin auch weitere Ställe für die Tiere der Wirtschaft errichtet wurden. Die übermäßige Haltung von Tieren führte jedoch zusammen mit der engen Bebauung dazu, dass anno 1597 hier die Pest ausbrach.

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Der Von Höveln-Gang

Anno 1483 hatte der Ratsherr Tidemann Evinghusen den schmalen Gang auf seinem Grundstück in der Wahnstraße 73 bis 77 zum Wohngang bestimmt. Hier sollten künftig alte und arme Menschen eine Wohnung bekommen können.

Lübecks Bürgermeister Gotthard von Höveln, der aus einer Lübecker Kaufmanns- und Ratsherrenfamilie stammte, übernahm schließlich anno 1570 den Gang, der später nach ihm benannt wurde. Nachdem er anno 1640 in den Rat der Stadt Lübeck gewählt worden war, wurde er 1654 Bürgermeister. Die komplette Wohnanlage wurde dann anno 1792 komplett erneuert. Aus dieser Zeit stammen auch die Buden, die heute noch im Von Höveln-Gang zu sehen sind.

Eine erneute Sanierung erfolgte im Jahr 1972. Im Zuge dieser Maßnahme wurden insgesamt zehn moderne Wohnungen für Senioren errichtet, wobei die historisch gewachsene Form der Anlage erhalten blieb.

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